Emotionale Ausbrüche verstehen und begleiten.

Für mein Praxissemesters, das ich während des Studiums absolvieren musste, entschied ich mich damals für einen Tierpark in dem hauptsächlich Menschen mit einer Behinderung, arbeiteten. Damals wusste ich, all das was ich heute weiß, noch nicht. Also wurde ich an diesem Tag dafür eingeteilt, die große Koppel bei den Schafen zusammen mit zwei Mitarbeitern zu misten. Alles war ok. Wir schnappten uns Schubkarre, Rechen und Schaufel und liefen los. Aus Gründen, die ich hier nicht im Detail nennen möchte, spitzte sich die Situation plötzlich zwischen einem der Mitarbeiter und mir zu und im nächsten Momente fühlte ich nur noch einen Ruck an meinem Arm, der mich auf die Seite zog. Der Griff wurde immer fester und es begann mir richtig weh zu tun. Die andere Hand hatte er bereits erhoben und war kurz davor mir mit voller Wucht eine zu scheuern. Ich wusste, dass wir einen Konflikt haben, aber dass es so schnell eskalieren könnte, damit hatte ich nicht gerechnet. Er schrie mich an. So wütend war er und ich versuchte ruhig zu bleiben, obwohl ich einfach nur Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit fühlte. „Wie um alles in der Welt komme ich da wieder heraus“, dachte ich mir und „Ich habe keinerlei Kraft gegen diesen Mann anzukommen, also bleibt mir nur eine Wahl. Ich muss ihn irgendwie besänftigen.“ Also versuchte ich mein Glück und fing an mich bei ihm zu entschuldigen, zu sagen „dass ich nicht wusste, dass meine Worte ihn so verletzt haben und es mir sehr, sehr leid tut. Bitte, bitte lass mich los, bitte. Entschuldigung.“ Es dauerte einige Zeit, mein Herz pochte und mein Puls schoss durch die Decke. Mir war heiß, so unglaublich heiß. Irgendwann lies er mich dann los und ich sank in mich zusammen. Tränen fluteten mein Gesicht und ich war erst einmal leer, fühlte nichts als Ohnmacht und Trauer, dann Wut und letzten Endes Dankbarkeit. Dankbarkeit für das, dass er mir nicht noch mehr Gewalt angetan hat und die Situation, zum Glück, ruhig ausging.

Ich erzähle diese Geschichte, weil nicht nur Kinder von ihrer Wut übermannt werden, sondern wir Erwachsenen auch. Immer dann, wenn wir nicht gut für uns selbst sorgen, Bedürfnissen hungern und unsere eigenen individuellen Grenzen überschritten werden. Nein wir schreien und toben dann nicht mehr wie damals, legen uns auf den Boden oder schreien die ganze Wut raus, sondern wir „schlucken sie herunter“. „Schon gut, nicht so schlimm, das hat er oder sie doch nur gut gemeint, vielleicht bin ich einfach nur empfindlich oder habe verlernt dankbar zu sein.“ sind einige wenige Sätze mit denen wir versuchen unsere Wut zu besänftigen. Manchmal klappt es und manchmal auch nicht und dann bricht sie aus uns heraus. Wie die Kugel aus einer Waffe, wenn der Abzug gedrückt wurde, gibt es kein halten mehr. Dann wird um sich geschossen und die Leidtragenden sind die eigenen Kinder oder der Partner. Dieses Verhalten hat aber, nur etwas mit uns und unserer Vergangenheit zu tun und nichts mit unserem Kind.

Was es ebenfalls gibt, aber sehr wenig bekannt ist, ist die genannte „passive Aggression“. Das betrifft Menschen die folgendes sagen : „ musst du gleich so aggressiv werden, wenn ich mit dir spreche, hast du kein Benehmen, ich werde nie wütend, das hab ich doch nur gut gemeint, wie du möchtest mein Dessert nicht probieren? Das macht mich aber sehr traurig, ja sag nur… ist das wirklich so schlimm für dich also mir macht das überhaupt nichts aus…“ es kann passieren aber wenn dies öfters auftritt, dann ist dies nicht normal und die Wut die in einem entsteht, wenn wir solche Sätze hören ist vollkommen gesund und auch angebracht, da es sich hier um „nicht gleich erkennbare“ Grenzübertritte handelt.

Mir ist wichtig dies alles so ausführlich zu beschreiben, um uns klar zu machen, was wir hier von unseren Kindern erwarten. Wie wollen wir etwas erwarten, was wir selbst nicht gelernt haben, da uns die co-Regulation der Eltern verweht blieb und wir über keine wirkliche Selbstregulation verfügen.

Aber wie gehen wir nun damit um, wenn es in dem Gehirn unseres Kindes, plötzlich zu einem „Anfall“ kommt. Erst mal ruhig bleiben, das was gerade passiert ist normal und soll auch so sein. Zweitens finde heraus woran es liegen könnte. ( Hunger, Durst, Müdigkeit, Überforderung usw.) biete es ihm/ihr an oder versuche irgendwie mit deinem Kind in Kontakt zu treten und zwar wie folgt, gehe auf Augenhöhe und spreche langsam und ruhig mit ihm. Atme tief ein und aus und versuche dein Kind zu motivieren dies ebenfalls zu tun. Benenne wenn möglich die Emotionen deines Kindes, welche es gerade durchlebt, dadurch verlieren sie an Kraft. Was du sagst ist ziemlich egal, das wichtigste ist, dass irgendwie das Gefühl transportiert wird, dass du dein Kind ernst nimmst und es versuchst zu verstehen. Vielleicht hilft ein Kompromiss und ihr bleibt noch etwas länger auf dem Spielplatz oder betrauert zusammen, dass die Sandburg eingestürzt ist und ihr sie nicht sofort wieder so aufbauen könnt. Auch ein Keks, der in der Mitte durchgebrochen ist, kann oder muss betrauert werden.

Das gute daran ist, diese Situationen werden mit der Zeit weniger und auch das Temperament eines jeden Kindes entscheidet wie oft und wie stark ein Wutanfall ausfallen kann.

Warum aber ist es nun so wichtig, dies wirklich gefühlvoll (wenn es möglich ist) zu begleiten. Unsere Kinder müssen von uns ernst genommen werden, da sie sich sonst selbst die Schuld an der Situation geben, weil sie sich nicht im Griff haben, nicht weil sie wissen, das es Übung braucht, bis sie Selbstregulation entwickelt haben. Sie brauchen das Gefühl, dass sie und ihre Bedürfnisse und auch Wünsche, gesehen und ernst genommen werden. Ja dieser Prozess erfordert Mut, weil es nicht sofort eine sichtbare Veränderung im Verhalten des Kindes gibt. Das heißt die Wut darf sein und wir bringen dem Kind bei, dass diese ok ist und dass niemand außerhalb gerade wichtiger ist als es selbst und seine Not in der es gerade drin steckt. Es braucht dich, mehr als du glaubst, mehr als du dir jemals vorstellen kannst, denn es ist in Not, in höchster Not und diese Gefühle zeigen ihm nicht, dass es nun mal gesellschaftlich nicht angemessen ist sich auf den Boden zu werfen und zu schreien, sondern jemand der sagt „boah dir geht es gerade gar nicht gut, es macht dich so unglaublich wütend, dass ich mit dir nicht in den Laden laufe um Gummibärchen zu kaufe. Stimmt’s? Das kann ich sehr gut verstehen. Soll ich dich in den Arm nehmen.“

Mal gelingt es und mal nicht. Mal wollen sie gehalten und ganz fest an den Körper gedrückt werden und mal ihre Autonomie fühlen und sich irgendwie selbst beruhigen. Was mit dem Alter auch immer mehr zunehmen wird.

Körperkontakt hilft bei kleinen Kindern oft sehr gut. Da in einer Umarmung, Oxytozin frei gesetzte wird. Das zur Beruhigung und Wohlbefinden des Organismus beiträgt. Das hilft nicht nur bei Kindern sondern auch bei uns Erwachsenen.

Eine Umarmung hätte ich damals nach diesem Erlebnis im Tierpark auch gebraucht. Was aber nicht möglich war. So lief ich noch lange wie ein scheues Reh durch den Tag und konnte erst am Abend bei Tobias die Sicherheit und Ruhe finden, um alles verarbeiten zu können. Deshalb ja Wut ist gut, Wut bringt viel Energie in Schwung und diese muss aus dem Körper heraus fließen dürfen. Sie zu vermeiden bedeutet sich gegen die Natur zu stellen und die Kindern lernen dadurch, dass sie und ihre Gefühle falsch sind. Ja sie, nicht ihr Verhalten sondern sie als Person und deshalb, habt den Mut. Steht für eure Kinder ein, lasst sie schreien und toben, weinen um den Stress abbauen zu können und bringt ihnen langsam und Schritt für Schritt bei, wie sie damit umgehen können. Bei jedem mal bei dem ihr kompetent euer Kind begleiten könnt, wird die Selbstregulation zunehmen. Wichtig ist: dass euer Kind lernt wie seine Gefühle heißen und wie sie sich anfühlen, dass es wichtig ist zu sagen was sie brauchen und mit uns zu kommunizieren. Zu atmen und zu atmen und zu atmen und auch den Mut sowie die Sicherheit zu haben, dass sie alles was sie als belastend empfinden uns mitteilen können.

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