„Sei neugierig, nicht wertend“ …..(Triggerwarnung)

Wir glauben an das, was wir sehen können und unser Verstand kreiert, aufgrund unserer individuellen Erfahrungen, die passende Geschichte dazu. Ich möchte euch nun bitten, diese zwei Fallbeispiele einmal durchzulesen.

Ich beginne mit einem Mann, der im Gefängnis sitzt, weil er seine eigene Mutter sexuell missbraucht hat. Der keine wirkliche Reue empfindet und die Mutter diesen Übergriff, natürlich zur Anzeige gebracht hat, damit ihr Sohn, seine gerechte Strafe bekommt. Was ja auch vollkommen richtig ist oder was meint ihr? Muss dieses Verhalten bestraft werden?

Als Nächstes beschreibe ich euch eine Szene aus einem Film, es geht um eine junge Dame, sie ist neun Jahre alt und heißt Benni. Sie lebt zu diesem Zeitpunkt in einer Wohngruppe. Zusammen mit ihrem Betreuer sitzt sie vor dem Haus auf der Straße und wartet auf ihre Mutter, die sie für das Wochenende abholen wollte. Sie kommt nicht und dennoch wartet Benni weiter, sie wartet und wartet voller Hoffnung, doch noch abgeholt zu werden. Sie erreichen die Mutter auf dem Handy „ sorry mein Schatz geht heute nicht, deine kleine Schwester ist krank. Ein anderes mal wieder. Okay?“ sind die Worte die ihre Mutter ihr mitteilt. Ein paar Szenen später, steht Benni da, mit einem Messer in der Hand, bedroht andere Kinder und Erzieher. Kurz darauf liegt sie fixiert in einem Isoraum der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie hat glasige Augen und ihr Blick ist leer.

Und nun folgen ihre Geschichten….

Es geht um einen kleinen Jungen. Ein Junge, der regelmäßig im Bett seiner Mutter schlafen musste. Ein Junge, der seine Mutter am ganzen Körper massieren sollte, weil sie ihm sagte, „dass dies Söhne bei ihren Müttern nun mal so machen, wenn sie diese besonders lieb haben und das ganz normal sei.“ Ein Junge, der also regelmäßig seine Mutter befriedigen musste, weil ihr das gefiel. Aber wenn dieser nun, als erwachsener Mann, vielleicht ihrem heimlichen Wunsch nach Sex nachkam und diesen Geschlechtsakt mit ihr vollzog ist das moralisch nicht in Ordnung? Ist das ein Verhalten das unbedingt bestraft werden muss? Muss er nun dafür büßen, seine Wut einmal unkontrolliert an der Mutter ausgeübt zu haben? Eigentlich, wollte er von ihr nur gesehen und geliebt werden. Seine Freundin beschrieb ihn als wundervollen, freundlichen und ruhigen Mann. Den sie sehr liebt. Hm….. diese Erzählung ist real und stammt von einer Gutachterin die psychoanalytisch arbeitet und herausfinden will, was hinter der Straftat des Menschen steckt, der sie begangen hat. Was diesen dazu animiert hat das zu tun, was er eben tat.

Benni stammt aus dem Film „ Systemsprenger“. Es geht um ein Mädchen, welches mit unserem Hilfesystem absolut nicht klar kommt und niemand mehr weiß, was sie mit ihr tun und wohin sie dieses Mädchen bringen sollen. Ständig wechselt sie von einer Wohngruppe in die nächste, von der Inobhutnamestelle in die Psychiatrie hin und her. Keiner kann mit ihr umgehen, ein Therapeut verweist auf den nächsten. Sie ist unberechenbar, wild, laut, eckt ständig an und provoziert wo sie nur kann. Während des Films lernen wir ihre Familie kennen, eine Mutter mit drei Kindern, die total überfordert ist. Benni lebt als einzigste im Heim. Die anderen beiden Geschwister, leben bei ihrer Mutter. Für Benni ist das nicht nachvollziehbar, weshalb sie nicht in die Familie zurück kommen darf. Aufgrund schwerer körperlicher und psychischer Misshandlungen ist ihre Selbstregulation wenig, sagen wir bis gar nicht vorhanden. Dieses Mädchen hat so einen unglaublichen Lebenswillen, dass ein erwachsener Menschen, sehr wahrscheinlich sich bereits suizidiert hätte. Niemand will dieses Mädchen haben, niemand bis auf den Schulbegleiter, der mit ihr dann einige Wochen in den Wald geht, um dort die pure Isolation zu erleben. Während dieser Zeit kommt ein komplett anderes Mädchen zum Vorschein. Welches, das endlich weich werden kann, nachdenklich, ihre unendlichen Schmerzen und Qualen, die in ihr stecken, sichtbar werden. Die Freude am Leben gewinnt und langsam sogar Verantwortung übernehmen kann. Bis sie wieder zurück kommen. Keiner sich mehr für sie verantwortlich fühlt und man als Zuschauer nur noch mit ansehen muss, wie dieses Mädchen in ihr altes Verhalten zurück rutscht.

Das sind nur zwei Beispiele von Menschen die wirklich heftige Sachen erlebt haben und eigentlich nur auf der Suche nach bedingungsloser Liebe und Annahme waren.

Hättet ihr das gedacht, bevor ihr die jeweilige Beschreibung ihres Lebens gelesen habt?

wir kreieren täglich Dramen, in abgemilderter Form, da wir uns dessen nicht bewusst sind, was unser Kopf für Spiele mit uns spielt. Also sind auch wir Schöpfer über das, was wir denken, was wir fühlen und letzten Endes was wir tun. Wir ziehen dem Anderen unsere Vorstellung, die wir uns von diesem Menschen gemacht haben über, ohne bereit zu sein, uns für ihn wahrhaftig zu öffnen und ihm jeden Tag neu wohlwollend und mit Interesse zu begegnen. Dadurch erzeugen wir Leid, welches immer weiter getragen wird.

Wie Walt Whitman bereits erkannte, „sei neugierig und nicht wertend.“

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