Wie uns das Mitgefühl abhanden kam.

Vor einer Woche waren mein kleiner Sohn und ich beim Kinderarzt. Wir mussten warten. Also saßen wir da. Im Wartezimmer. Mein kleiner Sohn auf mir, angespannt voller Angst, bewegte sich kaum, wie wenn er wissen würde, was nun auf ihn zukommen wird. Ich saß da, hielt ihn und atmete, war ganz bei mir, um ihm die Sicherheit und Ruhe zu vermitteln die er braucht um sich etwas entspannen zu können. Irgendwann sah ich mich um. Sah weitere Mamas mit ihren Kindern. Zwei haben sich unterhalten, eines lag die ganze Zeit im Maxi Cosi und ich war baff weil meine nicht länger als unbedingt nötig darin verbringen wollten.

Dann kam am Schluss eine Mutter mit ihrer Tochter. Packte sie aus und sagte zu ihr „so nun spiel, ah du willst laufen, ja geh…komm jetzt stell dich doch nicht so an, das kannst du doch alleine.“ In den darauffolgenden Minuten entstand zwischen dieser und einer weiteren Mutter ein Dialog und es kam heraus, dass das Mädchen gerade mal vor ein paar Tagen ein Jahr alt geworden ist und noch ziemlich unsicher auf den Beinen war. Vielleicht denkt nun der ein oder andere, ja und was ist daran schlimm?

Ich vermute, dass mit der Mutter selbst genau so umgegangen wurde wie sie nun mit ihrer Tochter umgeht. Wir können, zum größten Teil, nur für das Mitgefühl entwickeln welches uns selbst als Kinder gegenüber von unseren Eltern entgegen gebracht wurde.

Wurden wir schreien gelassen, weg gesperrt, ignoriert, geschimpft, geschlagen, überfordert, gedemütigt, ist in uns ein Loch. Das Loch der Dissoziation. Weil wir unseren eigenen Schmerz verstecken, verbergen oder dort begraben haben, können wir kein Mitgefühl für unser Gegenüber aufbringen. Das ist so und wir sind dann blind. Wir sind taub für unser Gefühl für das Gegenüber und können wenn überhaupt nur uns oder unser Unwohlsein, Unbehagen spüren den der Moment mit sich bringt ohne eine Erklärungen zu finden. Weil wir für uns nicht einmal eine Erklärung haben.

Dann fühlen wir Angst, weil wir glauben, das Kind müsste irgendwas sein oder beweisen um uns ein schönes Gefühl von Aufmerksamkeit zu schenken oder es könnte uns blamieren hier vor all den Anderen weil es nicht so funktioniert wie sonst und wir es deshalb beschämen müssen um uns selbst nicht auf die Schliche zu kommen was für ein perfides Spiel wir hier spielen. Es geht fast ausschließlich um uns und fast nie um unser Kind. Weil wir es nicht sehen können, weil unser Trauma aktiv ist.

Wir Mütter waren alle unterschiedlich und doch miteinander verbunden, weil alle irgendwie einsam wirkten. Klar da ist dieses Baby aber wie wollen wir eine Verbindung zu unserem Kind aufbauen, wenn wir unser „inneres Kind“ aufgrund unserer eigenen Verletzungen weg gesperrt haben. Also mit was soll unser reales Kind in Resonanz gehen wenn wir unser eigenes weggeschlossen haben.

Wenn wir nur noch funktionieren, wenn es darum geht uns zu optimieren, zu leisten. Es zählt nun mal Geld, Arbeit, Karriere.

Je mehr Wissen wir in unsere Köpfe bekommen und es wieder auskotzen können umso gefragter sind wir. Das ist das was unsere Gesellschaft haben will. Nun noch ein bisschen Narzissmus dazu und der Schein ist perfekt! Wir glauben wir müssten darauf achten, dass unsere Kinder schnellst möglich lernen zu lernen um einen hervorragenden Schulabschluss zu erzielen um im Anschluss zu studieren und dann was ist dann? Sind sie dann glücklich? Wie sieht es dann in ihnen aus? Wissen sie noch wer sie sind? Weil sie von euch gelernt haben wie man glücklich ist? Weil sie von euch gelernt haben wie wertvoll Zeit ist? Wie wertvoll sie sind? Wie wertvoll das Leben ist? Weil sie dann wissen was Liebe ist? Warum sie auf dieser Welt sind?

Weil ihr sagt “ ich danke dir mein geliebtes Kind für die wundervollen ersten Jahre die ich mit dir verbringen konnte, dass wir uns kennen lernen und vertrauen aufbauen konnten. Dass ich mich an all die wundervollen Momente zurück erinnere als wir gemeinsam über die Wiese gerannt sind, in Pfützen gesprungen, die Vögel beobachtet, gemeinsame Vormittage im Schlafanzug verbracht haben, wir gestritten, geweint und gelacht haben. Wir uns so nah waren wie wir niemals mehr sonst in unserem ganzen Leben mehr verbringen werden? Weil ich es geliebt habe euch beim matschen und spielen zuzuschauen und dabei fühlen konnte wie meine Welt in meinem inneren ein kleines bisschen durch euch Heilung finden konnte? Das alles geht vorbei, Kindheit geht vorbei, ihre Bedürftigkeit geht vorbei und ihr könnt es nicht mehr nachholen! Nie mehr wie wenn ihr jetzt Prioritäten setzt und sagt ja auch wenn es schmerzhaft werden könnte ich bin als deine Mama da und übernehme die Verantwortung für dich, weil ich dich auf dieser Welt haben wollte. “

Nein, diese vier Jahre waren alles andere als leicht und doch hatte jede kleine und große Krise etwas für sich. Denn jedes Mal wenn alles in mir zusammen brach, ich emotional durch meine Todesangst und Überforderung ging, wurde ich gleichzeitig neu geborgen indem ich wieder etwas mehr zu mir zurück kam. Wie eine Zwiebel die du Schicht um Schicht öffnest bis du in ihr inneres gelangst. Genau so ist der Weg der Heilung. Es geht langsam durch viele Schluchten und Täler, Berge und winzigen steinigen Wegen auf denen du jederzeit abstürzen wirst. Als Kind träumte ich oft davon abzustürzen, zu fallen und wachte voller Not auf.

Heute habe ich gelernt mir die Mama sein zu können die ich nie hatte. Die Mama die Mitgefühl mit ihrer kleinen Tochter in ihrem inneren hat. Die nichts falsch machen kann weil sie immer ihr bestes gibt. Weil jeder Erfahrungen machen muss um ein kleines Stückchen reifer zu werden. Die die sich hinsetzt ihr zuhört und sie in die Arme schließt wenn die Monster der Vergangenheit an ihrer Türe klopfen oder ihre Schutzmechanismen und Glaubenssätze einreden wollen „sie sei nicht gut genug, nicht wertvoll genug, nicht liebenswert genug“.

Ja es ist noch viel in mir das nach Heilung ruft und Ängste die ich bis jetzt verdrängt habe werden aktiv, klopfen an wollen gefühlt werden. Also dann setze ich mich mal wieder hin und gebe den Dämonen die Erlaubnis da sein zu dürfen. Höre ihnen zu bis ihre Kraft nachlässt und ich in meine eigene Liebe zurück fallen darf. In meine eigenen Arme sinken kann, Tränen fließen dürfen und ich in meine eigene Kraft komme, die mich hält und stärkt und wir gemeinsam wieder ein Stück vorwärts kommen. Langsam, ganz langsam geht es voran. Ob es ein Ziel gibt, nein ich glaube nicht, also ich glaube es nicht mehr. Das Leben ist ein monotoner Prozess, ein ständiger Wandel ein in sich geschlossenes System und wir dürfen ein Teil davon sein. Wenn wir den Mut haben uns ihm zu stellen.

“ Hallo Leben hier bin ich und ich bin bereit mit dir weiter zu gehen, trotz meiner Angst, trotz meiner Schmerzen, fühle ich die Lebendigkeit und das Glück das du ausstrahlst. Bitte nehm mich mit auf deine Reise zu dir und am Ende zu mir. In mein Vertrauen, in die Welt die einmal eins war. So klar, so verbunden, so voller Liebe und Urvertrauen. In der jeder sein kann und sein darf wie er oder sie ist und ich bin. Da wo alles sich mit einander vereint, weil alles miteinander verbunden ist. Wie wir, ich und du, uns irgendwann in Erde, Asche und Staub verwandeln. Dann verstehen wir endlich, dass das Leben so viel mehr ist als funktionieren zu müssen, dass es eine Qualität hat die wir erst dann begreifen können wenn wir uns wieder gefunden haben. “

Was ich sagen möchte, du bist das Vorbild für dein Kind. Dein Kind lernt an dir welche Prioritäten du in deinem Leben setzt, wie wichtig es für dich ist. Wie sehr du dich auf es einlässt und wie fähig du bist deinen Schmerz und die Verantwortung dafür bei dir zu behalten. Was es heißt Gefühle halten zu können ohne jemandem die Schuld dafür geben zu müssen. Sein zu dürfen, wertvoll sein zu dürfen trotz Wut, trotz Angst, trotz Trauer, trotz Hilflosigkeit. Sie sehen und fühlen es an dir, in dir und du setzte damit den Grundsteins für ihr späteres Urvertrauen, für ihre Bildungsfähigkeit anderen Menschen gegenüber und das was sie über sich selbst glauben. Du hast so viel Macht, so unglaublich viel Macht über dich und über das Leben deiner Kinder. Schau hin! Sieh hin! Es sollte es dir Wert sein!

2 Kommentare zu „Wie uns das Mitgefühl abhanden kam.

  1. Kann dir nur zustimmen! Da ich die Erziehung und das Heranwachsen von fünf Kindern erleben durfte, habe ich sozusagen unverdienterweise das Geschenk erhalten, mit jedem Kind etwas mehr reifen zu können. Ich habe alle Phasen durchgemacht und gelernt, ein hoffentlich guter Vater zu sein, der nicht nur darauf achtet, dass die Kinder massenkompatibel sind, sondern sich auch zu ganz eigenen Persönlichkeiten entwickeln können, die unabhängig von den Projektionen ihrer Eltern heranwachsen können. Ich weiß wie schwierig das ist und ich weiß, wie leicht man in die Falle tappen kann, wenn man sehr unreflektiert an die Erziehung herangeht.

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  2. Hallo Matthias,
    wow fünf Kinder, da hast du bestimmt einiges erleben oder auch durchleben können? Mehr reifen zu können ist eine schöne Formulierung weil das ist es letzten Endes auch.
    Ich denke es ist wirklich keine leichte Aufgabe oder sagen wir es ist herausfordernd die Kinder so begleiten zu können, dass sie einerseits sich selbst treu bleiben können und dennoch die Fähigkeiten besitzen sich mit den gesellschaftlichen Werten anfreunden zu können und irgendwie müssen wir einfach auch darauf vertrauen, dass unsere Kinder alle Fähigkeiten besitzen die sie für ihren Weg brauche und ihnen vertrauen. In ein paar Jahren wissen wir mehr 🤗
    Liebste Grüße Isabell

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