Familienaufstellungen und ihre Wirkungskraft

Was ist eine Familienaufstellung?

Eine Familienaufstellung ist eine Methode die in der systemischen Therapie häufig angewendet wird um sich der Dynamik im Familiensystem bewusst zu werden. Dies geschieht in einer Gruppe in Form von Menschen die als Stellvertreter für Familienangehörige dienen oder mit verschiedensten Gegenständen eingesetzt werden kann. Es können Männchen, Teppichreste oder bei Kindern auch Plastiktiere eingesetzt werden um die Dynamik in der eigenen Familie darzustellen.

Was aber ist an der Familienaufstellung nun so faszinierend. Das ganze ist ein unbeschreiblich magischer Prozess den man rein kognitiv nicht verstehen kann. Es wirkt und kann sehr aufschlussreich sein. Ich habe es selbst während der Ausbildung erlebt, da man als Therapeut sich und seinen vergangenen Themen sehr bewusst werden muss um diese nicht auf den Klienten und dessen Konflikte zu übertragen. Auch mein Mann nahm an einer Familienaufstellung teil und war begeistert.

Aber was genau ist daran nun so faszinierend. Die Aufstellung wird meist in einer kleinen Gruppe durchgeführt. Zu Beginn hatten wir beide die Aufgabe ein Genogramm zu erstellen auf dem verwandtschaftliche Zusammenhänge ablesbar werden. Du zeichnest sozusagen von dir über deine Eltern, Geschwister, Onkel, Tante über deine Großeltern und deren Geschwister bis hin zu den Urgroßeltern eine Art „Gitternetz“ auf. Zusätzlich gibt es dafür geeignete Symbole die zeigen wer mit wem verheiratet/geschieden ist, welche Berufe vermehrt vorkommen, welche Erkrankungen, Todesfälle, Suizide, leibliche und uneheliche Kinder es gibt. Wer mit wem Kontakt hat und wer den Kontakt abgebrochen hat.

Dieses wird zu Beginn der Aufstellung besprochen und daraus eine Frage abgeleitet, in der Form was möchtest du wissen? Unter welchen Problemen leidest du im System oder welche Konflikte treten häufig auf? Du hast ein Gefühl aber kannst dir nicht erklären warum es da ist? Warum du so leidest? Weil niemand aus deiner Familie darüber spricht? Auch Partnerschaftsprobleme oder Konflikte mit den Kindern können aufgestellt werden. Fast alle Probleme können auf deine Kindheit zurück geführt werden. Auch wenn es sich hierbei um Konflikte mit dem Chef, häufige Berufswechsel, den Kollegen, Nachbarn, ehemalige Freunde oder Partner handelt, die einem immer noch begleiten. Sie alle sind Stellvertreter für ungelöste Konflikte aus deiner Kindheit.

In der Aufstellung fährst du nun fort dir andere Teilnehmer als Stellvertreter für deine Familienmitglieder zu suchen und stellst diese in einer bestimmten, nach dir empfundenen, Beziehungsverhältnis auf. Dafür kannst du Nähe und Distanz, Höhe und Tiefe, Blickrichtung oder auch bestimmte Gestiken verwenden. Stehen sie nah zusammen? Hintereinander? Steht jemand auf dem Stuhl? Liegt jemand zusammengekauert auf dem Boden? Wer schaut hin? Wer schaut weg? Wer hebt sich die Augen oder Ohren zu? Wer blockiert wen?

Im Anschluss wenn du das Gefühl hast, dass das äußere Bild mit deinem inneren übereinstimmt geht der Therapeut von Stellvertreter zu Stellvertreter und fragt diesen nach seinen Gefühlen und körperlichen Befinden. Danach dürfen sich alle Stellvertreter bewegen und sich einen neuen oder sogar den alten Platz im Raum suchen. Diese Dynamik die sich da aufgrund von „bestimmten Energien“ bewegt ist unbeschreiblich und das Endbild trifft meist immer zu 100 Prozent auf dein inneres erleben zu. Wenn das ganze Konstrukt sich verwandelt hat und jeder seinen für sich stimmigen Platz gefunden hat geht der Therapeut nochmals durch und macht sozusagen eine zweite Runde indem er jeden Stellvertreter befragt.

Nun beginnt für den Aufsteller meist der als unangenehm oder erlösende empfundene Teil. Das alte System bricht zusammen und das was schon lange im Unterbewusstsein als Gefühl wahrgenommen aber immer wieder unterdrückt wurde kommt nach oben. Es ist ein wahnsinniger „Aha Moment“ der die Tränen buchstäblich ins Fließen bringt und endlich das gesehen und ausgesprochen werden kann was zuvor da war aber nicht ersichtlich sein durfte. Nun steht aber alles vor dir. Es ist, auch wenn es nicht deine leibliche Familie ist, klar erkennbar. Nun ist es real und kann nicht mehr geleugnet werden.

Ab diesem Moment kann die therapeutische Arbeit beginnen. Es können Verstrickungen gelöst, Traumata angesprochen und Erwartungen/Wünsche oder Vorstellungen der Eltern aufgelöst bzw. kann ich ihr Päckchen, das mir nicht gehört an sie zurück geben. Das alleine ist ein unheimlich erleichternder Prozess. Dir wird plötzlich klar woher all die Konflikte kommen und warum du deinen Partner, Kinder, Freunde, Chef oder Kollegen so behandelst wie du es eben tust. Es ist wahnsinnig erkenntnisreich und befreiend.

Wer nun von euch Interesse an einer Familienaufstellung entwickelt hat und gerne noch mehr darüber erfahren möchte der kann sich entweder zu solch einer anmelden oder diese Doku auf wdr (die ich als sehr gelungen empfinde) anschauen.

https://m.youtube.com/watch?v=zl4zOu5sYt8&t=4s

Das Fazit daraus lautet für mich:

Jeder hat seine Geschichte. Jeder von uns trägt in sich seine Verletzungen, seinen Schmerz und wenn wir mutig sind uns diesen anzuschauen, dies auszusprechen kann die Gruppe mit als Zeuge des Geschehens dienen. Sie kann als sehr tröstend und halt gebend wirken. Es ist unbeschreiblich faszinierend wie schnell eine Gruppe zusammenwächst wenn jeder über seine eigenen Verletzungen aus seiner Kindheit berichten darf ohne Urteil, ohne Wertung. Er oder sie steht im Mittelpunkt des Geschehens, bekommt Zeit, Aufmerksamkeit und Trost über das Erlebte, was nicht sein konnte oder sein darf, geschenkt. Der innere Schmerz bekommt endlich ein Gefühl und einen Namen.

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