Die Grenzen der Psychotherapie

Ich sitze da, auf einem kornblumenblauen zweisitzer Sofa und fühle mich elend.

„Na wie geht es Ihnen“, fragt mich die ruhige Stimme in einem Sessel, welche mir schräg gegenüber sitzt.

Er sitzt da, mit Block in der Hand und dem Kugelschreiber zwischen seinen Fingern und er wartet. Er wartet auf meine Antwort. Seine Augen bohren sich in mich, in meinen Körper und ich schweige, ich schweige aus Angst, aus Scham, aus dem Mangel meiner selbst heraus.

„Es geht so“, entgegne ich ihm. „Es geht so. Eigentlich hat sich nichts verändert.“

„Was geht so?“, fragt er mich. „Was ist heute ihr Anliegen? Wie steht es um die Beziehung zu ihrer Mutter? Konnten Sie in der Zwischenzeit Grenzen setzen?“

Mir wird schlecht. Ich spüre wie ein Druck in meinem Magen erzeugt wird, der sich langsam an meinem Hals empor drückt, bis zu meiner Kehle die sich ganz langsam verschließt. Das atmen fällt mir schwer. Ich bekomme die Luft nicht mehr wirklich in meinen Körper. Wie wenn er sich plötzlich mir und sich selbst verweigern wolle. Eine tiefe kaum aushaltbare Scham steigt in mir auf.

Ich will weg, ich will hier raus, schreien meine Gedanken mich innerlich an.

Mein rationaler Verstand mischt sich ein. Er sagt, es ist eine so banale Frage Isi, die aber in mir und meinem Körper und meinem Nervensystem fast alles zusammenbrechen lässt.

Grenzen setzen ja, warum nicht, wenn es doch so einfach ist. Bin ich zu blöd dafür, zu schwach, zu doof um meiner Mutter einfach zu sagen, „Stop ich will nicht mehr, dass du so mit mir sprichst? Ich will nicht mehr, dass du mich von oben herab ansiehst? Ich will nicht mehr, dass du mir das Gefühl gibst nicht genügen zu können, weil ich nicht der Tochter entsprechen kann, welche du in dir in deinem Kopf zurecht gemacht hast?“

„Nein“, sage ich zu meinem Therapeuten. „Nein ich habe es mal wieder nicht geschafft. Es ging nicht?“

„Warum, was denken Sie könnte der Grund sein? Eigentlich ist es doch ganz einfach. Sie stellen sich hin und sagen nein.“ entgegnet er mir.

Ich spüre eine Wut in mir aufsteigen. Eine Wut hinter der ich 10 Jahre später auf unendlich viel Traurigkeit stoße.

Hinstellen und nein sagen, soll einfach sein? Kennt er meine Mutter? Weiß er wie sie auf das Wort reagiert? Auf eine Zurückweisung? Er kennt sie nicht, er kennt nicht ihre Wut, er kennt nicht ihre Gewalt, er kennt nicht diese absolut kühle Distanz die zwischen uns herrscht, weil ich es nicht schaffe sie glücklich zu machen. Ich fühle mich wie ein vier jähriges verlorenes kleines Mädchen, dass nur noch von Mama in den Arm genommen werden will.

Aber was ich hier spüre ist die selbe Umgebung, die selbe Atmosphäre wie zuhause. Es herrscht eine Distanz zwischen uns. Ein Abstand. Eine kühle Stimmung. Er sitzt da mit seinem Block und seinem Stift und schaut mich durch seine Augen von unten herab an.

Na sag was, sag endlich was, damit es aufhört und wir endlich hier raus kommen. Eine Stunde dauert die Sitzung und wir haben gerade mal 15 min. geschafft.

Es ist der Schmerz der ans Licht kommen will aber auf unbekannte Weise nicht erkannt und dadurch nicht gesehen wird.

Ich weiß nichts über meinen Therapeuten aber er weiß sehr viel über mich. Eine authentische Beziehung gibt es nicht. Eine wahrhaftige, in der wir uns auf Augenhöhe begegnen. In der sich die Distanz zu Nähe verwandelt. In der es ein du und ein ich gibt. Ohne Angst vor Beziehung, ohne Angst vor dem Menschen hinter der Rolle hinter denen wir uns alle verstecken.

Er sitzt da, wie immer auf Distanz mit geradem Rücken und verschränkten Beinen, mir schräg gegenüber, während ich immer tiefer in mir selbst zusammen falle.

Ich denke ich bin das Problem, das Problem, welches er beheben muss, damit ich wieder unter die normalen Menschen passe, mich in die Masse einordne. Damit ich endlich wieder losgelassen werden kann auf diese Gesellschaft da draußen die in ihrer Illusion so wunderbar funktioniert. Deshalb wird es ja auch von der Krankenkasse übernommen. Die Stunde, die eine Stunde in der Woche, die Punkt genau zu Ende geht.

Aber ist das Therapie? Geht man so mit einer Seele um? Es geht nicht um Offenheit, um Transparenz, um Empathie, um Nähe, um Bewusstsein, um Menschlichkeit.

Ich fühle mich wie eine Nummer in seinem Computer die abgehakt werden will. Ja Nummern, daran kann ich mich im Laufe unserer deutschen Geschichte erinnern. Eine Nummer ist nicht wirklich etwas Wert. Zu einer Nummer hat man keine Bindung und Beziehung. Eine Nummer ist und bleibt eine Zahl.

Ich habe die Therapeuten gewechselt, oft, viele Male, weil ich es irgendwann mit keinem mehr von ihnen ausgehalten habe. Sie waren meine letzte Hoffnung. Der letzte Halm, an den ich mich verzweifelt klammerte. Ich dachte, sie schaffe es mich wieder aus der Hölle zurück ins Leben zu holen. Von Selbsthass zu Selbstliebe.

Aber mir war nicht bewusst, dass ich den Weg gehen muss. Dass ich die Erfahrungen machen muss. Dass ich den Mut haben muss für mich selbst, nur für mich selbst all das aufzubringen, weil dahinter meine Freiheit lag. Was ich von ihm gerne gehört hätte wären die Sätze „Ja Frau K. Sie dürfen weinen. Sie dürfen ihrem Gefühl Raum geben. Sie dürfen das bei mir betrauern was Sie durchlebt haben, denn Sie sind schwer traumatisiert. Das was Sie erlebt haben war und ist nicht normal. Sie hatten keine normale Kindheit.“

All das konnte nicht funktionieren, weil das Wichtigste in all dem fehlte. Die Menschlichkeit, die Nähe, die Authentizität, die Beziehung, das Verständnis über die Psyche des Menschen, die Augen die in meine Seele blicken und dort für einen Augenblick die Menschlichkeit des Grauens, des Schmerzes, des Leidens hervorbringen, welches ich alles durchleben musste.

Heilung besteht darin einen Raum zu eröffnen, damit sich das zeigen kann was sich zeigen möchte um die Gefühle zu halten und zu begleiten welche in der Gegenwart erscheinen wollen. Es geht nicht darum den Klienten zu reparieren, damit er wieder funktioniert sondern darum liebevoll in ihm aufzuräumen. Nichts weg haben zu wollen sondern die Schubladen im Inneren vorsichtig zu öffnen, zu entrümpeln was zu mir gehört um sie letztendlich mit wohlwollen neu einzuräumen. Damit diese Anteile in sich Frieden finden und ruhig werden können.

Es ist ein ganz anderes Bewusstsein, mit Interesse und Wohlwollen, dankend auf sein eigenes Verhalten zu schauen anstatt es oder den Menschen der es zeigt reparieren zu wollen. Es geht für mich darum, das Wesen in mir zu entdecken, welches in diesem Körper lebt.

Ja wir leben in einer kranken Gesellschaft mit hoch emphatischen Wesen die verlernt haben wie man fühlt oder fühlen darf.

Das Rad des Leidens

Wir alle leben in einer Welt der eigenen Vorstellungskraft, die wir einst selbst erschaffen haben. Ich bin nicht ich, nur weil sich mein Körper mittlerweile weiter entwickelt hat. Weil er angeblich erwachsen geworden ist. Aber was ist mit meiner Psyche, mit meinen Denkstrukturen, Glaubenssätzen, Werten, Mustern und Prägungen.

Wo steckt der Schmerz aus der Kindheit? Hat er sich auf einmal aufgelöst? Wohin ist er gegangen? Weil wir denken, dass jemand anderes nicht mitbekommt wie es in unserem Inneren aussieht! Wie ich denke, wie ich fühle, wie viel Scham und Schuld sich in meinem Körper mittlerweile manifestiert hat.

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Du bist „deine“ Geschichte

Glaubst du an die Wahrheit? An die eine Wahrheit? An deine Wahrheit?

Was ist Wahrheit überhaupt und wie glaubt ihr diese überprüfen zu können?

Wir alle leben in einer Welt. Aber es ist nicht eine Welt, sondern wir machen sie zu „unserer Welt“, mit unseren Gedanken, mit unseren Gefühlen, mit unseren Bewertungen und Interpretationen.

Du glaubst das was du siehst und hörst und riechst ist wahr? Warum sollte dies wahr sein? Weil irgendwann, irgendwer einmal den Dingen einen Namen gegeben hat?

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Das Leid, es ist das Leid aus dem all das Schöne entstehen kann.

Warum beschäftige ich mich mit Bewusstsein? Mit dem wie ein Mensch tickt? Wie er sich entwickelt? Wie Gefühle und Gedanken entstehen? Hinterfrage mich, mein Denken, mein Fühlen und mein Verhalten immer wieder aufs Neue? Warum begegne ich all dem Schmerz der in mir lebt?

Weil es mir Freude macht mir selbst Schmerzen zuzufügen? Weil es mir so gut ging, um mich dem Thema einfach mal zu widmen?

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