Loslassen

„Ich weiß nun was loslassen bedeutet“, sage ich zu meinem Mann.
„Ich kann es fühlen, was es bedeutet wenn die eigene Geschichte, der eigenen Schmerz sterben darf.“
„Ich kann nun fühlen, weshalb wir die Liebe brauchen und zu was sie im Stande ist zu halten, zu tragen und zu transformieren.“
„Auch wenn ich regelmäßig in mir zusammenbreche, mich als der einsamste Mensch auf der Welt fühle, sehe wie sich der Blick für alles verändert liegt genau darin meine größte Kraft.“
„Es gibt Mensch die haben die Fähigkeit hinter die Schutzmechanismen des anderen zu schauen. Sie sehen die Angst, den Schmerz, die aufgestaute Wut weshalb sie sich glauben schützen zu müssen.Sie sehen hinter das nicht gesprochene Wort und fühlen die Energien die alle umgeben aber niemand ansprechen darf, weil sich ab diesem Moment das Familiensystem nicht mehr selbst tragen könnte. Der Zusammenbruch eines System gleicht einem Tornado, welcher erst einmal alles zum Einsturz bringt.“
„Als Kind erleide ich Leid indem, dass es mir widerfährt und als erwachsener Mensch indem dass ich mir Meinungen, Einstellungen, Schutzstrategien entwickelt habe welche mich nicht frei in die Erfahrung und den Austausch, die Verbindung gehen lassen sondern mit einem vor geprägten Bild, mit einer vor geprägten Meinung.“
„Wenn wir also erst einmal eine Meinung über etwas oder über jemanden gebildet haben ist dies ein Selbstläufer und wir kommen aus diesem Gedankenkonstrukt kaum raus, da wir uns in unserem Denken selbst erhalten wollen. Wir suchen dann nach Beweisen die das aufrechterhalten worüber wir uns eine Meinung gebildet haben.“
„Stell dir vor du drehst den Spieß um und versucht genau das Gegenteil, den Menschen den du ablehnst genau zu erforschen, dich zu fragen was genau dich an ihm stört und glaube mir du wirst am Ende eine neue Welt betreten und zwar die Welt, dass genau dieser Mensch etwas hat, was du dir eben nicht traust zu leben. Dass er den Mut hat etwas zu zeigen vor dem du wahnsinnige Angst hast.“
„Und genau dort beginnt alles.“

„In der wahrhaftigen Ehrlichkeit zu mir selbst und das beginnt zum Beispiel mit dem Satz, ich habe wahrhaftig Angst vor dir“ sage ich zu meinem Mann.
„Ich habe nicht Angst vor dir sondern vor den Schutzstrategien, die du dir aneignen musstest und wovon ich überzeugt bin, dass ich in meine Ohnmacht rutsche und nicht mehr handlungsfähig bin. Mein Verstand weiß, dass das Quatsch ist aber mein Körper beginnt zu zittern und will sich nur in Sicherheit bringen.
Wenn wir einen Konflikt haben und diesen nicht liebevoll klären können, lass uns bitte schweigen und erst wieder sprechen wenn wir beide den Anderen in Liebe und Wohlwollen sehen können. Ansonsten gerate ich immer in eine Dysregulation und das führt automatisch in eine Fight and flight Reaktion.“

Loslassen bedeute also, dass ich stark genug bin, den Schmerz der Erniedrigung, der passiven Aggression, mich kleiner zu machen als ich bin, mich als Minderwertig zu sehen in mir zu halten. Zu verstehen, dass das meiste nichts mit mir zu tun hat sondern viele Generationen alt ist.

Wenn ich Beziehung wahrhaftig leben und erfahren will, darf ich all das in mein Herz lassen, in meinem Herzen tragen und durch meine Fähigkeit der Verarbeitung, indem ich Trauer, indem ich meinem Körper all das machen lasse was er braucht um sich sicher zu fühlen. Um meinem wahrhaftigen ich zu begegnen und nicht von einer Strategie in die nächste zu hüpfen. Um meinen Gefühlen den Raum einzugestehen den sie brauchen, in der tiefen Annahme, dass ich in der inneren Stärke wachse. Über mich hinauswachse und all der Schmerz und all das Leid und all das was so lange in dieser Familienkette weitergereicht wurde sterben darf.

Ich sehe dich. Ich höre dich. Ich bin bei dir mein geliebtes Kind.
Immer. Selbst wenn du schreist. Selbst wenn du trittst. Selbst wenn du dich auf den Boden legst und alle uns anschauen. Ich sehe deine Not und ich erkenne sie an. Ich weiß wie es ist in dieser Not alleine zu sein. Ich habe es nicht erlebt. Ich weiß nicht wie es ist gehalten zu werden, sich dafür abgelehnt und minderwertig fühlen zu müssen, aber mein Herz ist groß, mein Herz ist weit und ich hülle dich ein in meine Liebe.
In all diese Liebe die ich selbst nicht aus meinem Liebestank schöpfen kann weil er leer ist. Weil dort selbst so viel Angst und Bedürftigkeit sitzt welche unbedingt geliebt werden möchte. Aber ich habe den Zugang zu meinem Herzen zurück erobern können. Trotz und vielleicht genau wegen meiner ganzen Erkrankungen habe ich das bisschen Liebe mir erhalten können. Dass ich überhaupt noch am Leben ist für mich keine Selbstverständlichkeit mehr. Und ich spüre so viel Mitgefühl für mich, so viel Demut und reine Liebe die ich euch zukommen lassen darf.
Nun hat all das ein Ende.
Nun darf all das Gehen, im Bewusstsein, dass ihr es, wenn ihr die Chance gehabt hättet, euch anders verhalten hättet.
Aber ich werde all das loslassen…..
In Liebe.
In Demut.
In Tränen.
In Dankbarkeit.

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