Wie Trigger uns helfen können

Gestern Abend fiel ich mal wieder, gewaltig in einen Moment der Dysregulation.
Ich fühlte mich getriggert und konnte mich in diesem Gefühl weder halten, noch begleiten.
Ich fühlte ein Wut in mir, eine unbeschreibliche Zerstörungswut, die ich gerne an meinem Mann entladen wollte.
„Er ist Schuld“, hörte ich einer inneren Stimme zu.
„Er hätte dir zumindest eine Blume mitbringen können.“
„Wann zeigt er dir denn, dass er dich liebt?“
„Er braucht mich viel weniger als ich ihn…..“

Mein Verstand sagte mir „quatsch, das ist doch Blödsinn, du weißt, dass das nicht stimmt.“

Mein Verstand hat aber keine Macht gegen eine Überlebensstrategie, in diesem Fall, Kampf anzukommen. Überlebensstrategien sind eigentlich dafür da, um unser Überleben zu sichern, deshalb empfinden wir in diesen Momenten eben auch kein Mitgefühl sondern können, ohne schlechtem Gewissen, handeln.

Aber ist mein Mann ein Feind, gegen den ich kämpfen muss?
Sind meine Kinder meine Feinde, gegen die ich kämpfen muss?

Mein klarer Verstand sagt nein. In Momenten der Dysregualtion hilft mir mein Verstand oder mein Wertesystem absolut nichts mehr.
Ich fühle Schmerz. Unfassbaren Schmerz und der will raus. Der will schreien und toben. Der will etwas kaputt machen, komme was wolle.

Mein inneres Kind steht also da, übernimmt die Führung und will los legen. Alles rauslassen und ausagieren, was es all die Jahre hat akzeptieren, tolerieren und runter schlucken musste.

Diese Momente fühlen sich grauenvoll an. Zumindest weiß ich so viel, dass ich ab jetzt meinen Mund halte, nichts, nicht einmal ein Wort mehr sage und später meine innere Arbeit mache.

So lange begleite ich mich innerlich. Spreche mit mir, wie wenn ich eines meiner Kinder begleite und stehe mir als beste Freundin zur Seite.

Und dann wird es ruhig im Außen und es beginnt in mir zu toben.
Ich stelle mir Fragen.
Viele Fragen.

„Ist dein Mann dafür verantwortlich, dass du dich geliebt fühlst?“
„Habt ihr gestern nicht darüber gesprochen, dass ihr den Valentinstag nicht feiert?“
„Hast du ihm nicht gesagt, dass dir dieser Tag vollkommen egal ist und ihr es sein lasst?“
„Wann zeigst du ihm deine Liebe?“
„Wann hast du das letzt Mal etwas für ihn getan?“

Tränen rolle über meine Wangen.
Ich sitze hier auf dem Boden des Badezimmers und ein Sturm durchflutet meinen Körper.
Alles zittert, alles bebt. Ich lasse los und sinke in mich zusammen. Lege mich auf den Boden. Die Arme fest um meinen Körper geschlungen. So liege ich da. Halte mich, wie ich meine Kinder halte, wenn ich sie in solch einem Zustand vorfinde.
Lasse mich fallen in das große Schwarze Loch das mich verschluckt und ich nicht weiß ob ich da jemals mehr herauskommen werden.
Ich verliere also die Kontrolle. Tränen unfassbar viele Tränen wollen aus meinem inneren heruasfließen. Weinen und schluchzen.
Ich weiß, dass das Leben mich auffängt. Das es mich hält. Das es mich liebt.
Mich.

Also nein. Mein Mann ist nicht dafür verantwortlich, dass ich mich geliebt fühle und wenn ich meinen Selbstwert davon abhängig mache, liegt es daran, dass ich selbst in mir Unsicherheit fühle. So, dass es für mich einfacher ist mich in die Abhängigkeit zu begeben anstatt das Gefühl der Unsicherheit fühlen zu müssen. Den Schmerz, dass ich in der Kindheit so verunsichert wurde und das bis heute anhält.

Und ja ich habe meinem Mann nicht die Wahrheit gesagt, ich kam als Kind mit wenig Liebe klar. Also denkt ein Teil von mir, dass er gefallen will und sagt dann, nö brauche ich nicht, obwohl ich mich über Blumen gefreut hätte.Aber wenn ich nicht zu mir stehe, wenn ich nicht kommuniziere, was ich brauche, wie soll es dann der andere Wissen?

Die Tränen tragen langsam zur Regulation meines Inneren bei. Mein Nervensystem beginnt sich zu entspannen. Tiefe Atemzüge setzen ein. Das Gefühl für meinen Körper kommt zurück. Der tiefe Schmerz ebbt ab.
Die Wut weicht und entwickelt sich zu einer Scham. Eine Scham über mich, über das Verhalten das ich gerade gegenüber meinem Mann gezeigt habe. Scham über den Trigger, der mich mal wieder geschnappt und in die Kindheit zurück geholt hat.

Ich hätte Liebe bei meinen Eltern tanken müssen. Sie hätten meinen Liebestank füllen sollen. Sie hätten an mich glauben, Geduld aufbringen und mir Vertrauen schenken sollen.

Und das ist eben nicht passiert. Ein großes Loch der Bedürftigkeit sitzt da in meinem innern und sagt „bitte fülle nicht, bitte, bitte fülle mich jetzt auf. Es fühlt sich sonst so leer und kalt an. So einsam und unverstanden in dieser Welt. Ich werde oft so wütend, weil ich mir bis heute wünsche, dass diesen Tank jemand füllt. Ich will nicht los lassen. Ich will das was ist nicht akzeptieren.“

Und dann werden wir zu Tätern, an den Menschen die wir lieben.
Alles was wir nicht fühlen wollen, sind wir gezwungen zu leben.

Und nein ich will nicht. Ich will diesen unfassbar tiefen Schmerz an Menschen, zu denen ich sage „Ich liebe dich“ nicht weiter geben.
Ich halte inne. Lasse meine Tränen fließen.
Und dann beginnt mein Körper zu sprechen. Er spricht wie bereits viele Male zuvor mit mir und mein Köper tobt und schenkt mir am Ende frieden.
Jedes Mal, öffnet sich erneut ein Teil meines Herzens.
Es weitet sich, es dehnt sich aus.
Es will heilen.
Es sagt, nein, stop, du gibst das nicht weiter.
Du bist stark. Ich habe dich stark gemacht, damit das meiste Trauma aus deiner Familie nun heilen kann.

Und je mehr ich heile, umso mehr sehe ich nicht mehr nur das Verhalten des Menschen, sondern seinen Schutz, seine Strategie, seine Angst, seine Verzweiflung, seine Wut, hinter der meist ganz viel Verletzung, Ohnmacht und Hilflosigkeit steckt.

Je mehr ich heile, mich begleite, meine Emotionen annehme, ihnen ein Zuhause gebe, umso mehr sehe ich den Menschen. Den wahrhaftigen Menschen der in diesem Körper lebt.

Und es ist sinnlos mit einem Menschen, der sich in einem dysregulierten Zustand oder in einem Überlebensmodus befindet zu sprechen, in diesem Moment brauchen wir Mitgefühl. Nichts anderes, als ein Mensch, der uns wohlwollend gegenüber steht und das in uns sieht, was wir selbst gerade nicht sehen können und das ist die Liebe. Die Liebe, die dieser Mensch in seinem Herzen trägt.

„Egal was du gerade getan hast, mein Liebes, du bist gut. Du bist gut, genau so wie du bist und ich liebe dich. Ich liebe dich auch wenn du schreist, wenn du haust, wenn du alles mögliche zu mir sagst. Mein Herz ist offen für dich und wenn es das einmal nicht ist, weil mein Schmerz zu Besuch kommt, werde ich mich bei dir entschuldigen und es wieder reparieren.“

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