
Früher war ich davon überzeugt, dass meine Wut berechtigt ist. Ich habe ihr geglaubt. Ich war davon überzeugt, dass der Andere gefährlich sei und ich mich vor diesem Menschen schützen müsse, dass er mir etwas böses wollen würde.
Ich kam nicht auf den Gedanken, dass das was gerade hier passiert letztlich nichts mit meinem derzeitigen Gegenüber zu tun hat sondern, dass dieser Mensch eben in mir meine Wunde berührt hat und ich noch keine Kapazität habe, das zu halten noch ein passendes Werkzeug in mir steckt, um damit umgehen zu können.
Und genau aus diesem Grund schoss meine Wut nach oben. Sie ist mein Ritter. Meine Wache. Meine Mauer. Mein Halt.
Und nun dürfen wir genau hier in die Kindheit schauen. Wie bist du früher mit Verletzung oder Überforderung oder Angst umgegangen? Wie sind deine Eltern mit diesen Gefühlen umgegangen und was hast du unbewusst von ihnen kopiert?
Für mich ist mittlerweile klar, wenn ich nicht sprechen kann.
Wenn eine krasse Wut in mir nach oben kommt.
Wenn ich impulsiv auf den anderen los gehen könnte mich aber meine Regulation zurück hält.
Hat es immer, immer, immer mit meiner Vergangenheit zu tun. Mit etwas ungelöstem was tief in meinem Herzen weint und sich unendlich verlassen fühlt.
Ich durfte in den letzten Wochen so viel lernen, wie es möglich ist Konflikte oder Situationen aus denen Konflikte entstehen könnten sofort zu klären.
„Das kam irgendwie falsch rüber, das wollte ich so gar nicht. Können wir darüber noch einmal sprechen?“
Bei vielen Menschen geht bereits hier die Mauer hoch und sie sind nicht mehr zu erreichen. Aus der Angst heraus das Gespräch nicht halten zu können.
Bei Menschen mit denen ich mich tief verbunden fühle, ist es mittlerweile eine Selbstverständlichkeit erst dem einen und dann dem anderen zuzuhören und am Ende löst sich die Spannung auf und zurück bleibt ein noch intensiveres Gefühl von Verbundenheit.
Ein ich sehe dich.
Ich höre dich und ich nehme dich ernst.
Du bist mir nicht egal, bist für mich nicht selbstverständlich sondern eine große Bereicherung für meine Seele und mein Leben.
Erst gestern war es zwischen mir und meinem Mann wieder einmal soweit. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit oder Müdigkeit, die großen Einfluss auf unser Nervensystem und unsere Regulation hat und schon entsteht aus einem Missverständnis ein Streit.
Die inneren Kinder kommen raus und gehen in Angriffshaltung.
Meiner Meinung nach wollte ich seinem inneren Kind nicht begegnen und versuchte an sein Gewissen zu appellieren und spürte dadurch gar nicht wie ich ebenfalls in mein Kind gerutscht bin. Denn plötzlich war da diese Wut. Eine unbeschreibliche Wut und meine Gedanken verselbstständigten sich über etwas was gar nicht passiert ist. Ein Selbst läufer was aber eben nie gesagt wurde, sondern rein aus meinem Schmerz heraus entstand.
Für mich ist diese Wut immer der beste Hinweis nun ruhig zu werden und in mich zu gehen. Ein paar Minuten Stille und Rückzug.
„Ja du hast Recht“, stimme ich meinem Mann zu.
“ Ich wurde getriggert und ich habe damit ein Thema, der Widerstand, dass es nicht so sei ist zwar groß aber wenn es kein Thema mehr für mich wäre, hätte ich dir einfach das geben können, nach was du dich sehnst und ich konnte es nicht. Fühlte mich bedroht. Hatte das Gefühl jemand nimmt mir die Luft zum Atmen. Schnürt mir die Kehle zu. Ich löse mich auf. Zerplatze ins nichts. Also ja ich war in meinem inneren Kind und es tut mir Leid, dass ich mich nicht einfach bei dir entschuldigen konnte. Deshalb entschuldige ich mich jetzt für mein unbewusstes Verhalten. Ich habe dir weh getan.“
„Ich weiß. Mir ging es genau so. Ich fühlte mich von dir nicht ernst genommen. Wie wenn du meinen Schmerz einfach so ab tust. Wie wenn ich mit meinem Gefühl, meinem Wunsch einfach übergangen werde. Das hat mich wahnsinnig getriggert und dann konnte ich nicht mehr wirklich mit dir sprechen, da ich auch keinerlei Mitgefühl mehr mit dir hatte, was mein Verhalten und Worte bei dir auslösen. Deshalb tut es auch mir Leid,“ entgegnete mein Mann.
Der Widerstand ist nicht da um uns das Leben schwer zu machen oder einen anderen Menschen bewusst zu verletzen. Hinter dem Widerstand hinter der Wut sitzt unsere Verletzung und um der zu begegnen braucht es erst einmal Bewusstseins und Vorarbeit, damit wir uns Stück für Stück dir selbst und deiner Verletzung näher kommen können.
Da sitzt meistens sehr, sehr viel Angst und die Wut stellt sich sozusagen als das große Geschwisterkind vor die Angst und sagt“ ne du, du kommst nicht an mir vorbei. Niemals“.