
„Warum könnt ihr nicht aufhören zu streiten“ schreie ich meinen großen Sohn an.
„Muss es denn immer eskalieren! Könnt ihr nicht vorher aufhören? Es kotzt mich so sehr an, wenn ihr immer und immer weiter macht bis einer weint! Es reicht! Es reicht mir so dermaßen!!!“.
Er steht da. Seine Augen starren mich an.
Sein Körper ist ganz still.
Tränen laufen über seine Wangen.
Er schluchzt.
Was passiert hier mit mir, frage ich mich in meinen Gedanken, während ich ihn so anschaue. Wer beginnt da aus mir heraus zu sprechen?
Wo ist die Liebe, die ich sonst für sie in meinem Körper spüre.
Alles ist still, betäubt, hart.
Ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt irgendwie den Alltag zu bewältigen, zu kochen, zu waschen, zu putzen und von morgens bis abends Gefühle zu begleiten.
Ich bin überfordert und habe keine Lust mehr auf all das.
Es ist mir zu viel und dann denke ich an die Vergangenheit.
Wie muss es da ausgesehen haben.
Ich stelle mir vor, hier sitzt ein Mann, vielleicht der Papa, der gerade aus dem Krieg zurück kommt.
Er starrt gegen die Wand. Es gibt keine Möglichkeit mehr sich emotional mit ihm zu verbinden. Er ist weg. Verschwunden.
„Hör auf zu rennen.“ schreit er plötzlich auf „oder du wirst mich kennenlernen.“
Das Kind rennt weiter.
Lacht.
Macht daraus ein Spiel.
Es kribbelt im Körper. Es lacht erneut.
Plötzlich steht der Mann auf.
Packt das Kind am Arm und schlägt ihm ins Gesicht.
Der Körper des Kindes erstarrt.
Es hört auf zu atmen.
Im ersten Moment weiß es nicht was hier gerade passiert.
Die Erstarrung lässt nach. Tränen laufen über das Gesicht.
„Hör auf zu heulen. Es gibt keinen Grund aber wenn du weiter machst kann ich dir noch einen weiteren liefern.“
Das Kind wird still.
Geht aus dem Raum.
Verkriecht sich in die Einsamkeit.
In die Einsamkeit, in der es sich jetzt am sichersten fühlt.
Es gibt hier weder Liebe noch eine Bindung.
Schmerz ist und bleibt Schmerz.
Er erzeugt in uns und unserem Körper die selben Reaktionen.
Doch der Mensch, mit seinem Verstand glaubt, dass man ihn vergleichen kann.
Als ob es stärkeren und sanfteren Schmerz geben könnte.
Aber was ist sanfter Schmerz und wie sehen starke und schwache Tränen aus?
Schmerz ist und bleibt Schmerz.
Und nun frage ich dich, wie sieht es in deiner Welt aus?
Das was ich in all den Jahren bei mir, in mir, in meiner Familie und in meiner Partnerschaft gelernt habe ist, dass wir alle in einer anderen Welt leben.
Meine Welt sieht sehr wahrscheinlich ganz anders aus, als deine und ich kann nicht sagen
„Ich weiß oder ich kenne“
Denn ich weiß es nicht und nein ich kenne deinen Schmerz auch nicht aber ich kenne meinen und ich weiß wie er sich anfühlt.
Ich weiß, was er mit mir macht und wie er mich verändern kann.
Härte bringt mich nicht weiter.
Mich von ihm zu distanzieren, trägt nur dazu bei, dass ich mich selbst immer noch auf Distanz halte.
Weg.
Fern von mir.
Wie wenn ich mir selbst nie mehr begegnen möchte.
Aber was ist nun das, was ich daraus für mich erkannt und gelernt habe.
Mein Kind ist ein Geschenk.
Ich weiß sehr wenig über die gesunde Entwicklung unserer Kinder.
Es muss lernen.
Es muss viel lernen.
Und lernen braucht Zeit.
Und lernen braucht Wiederholungen.
Viele Wiederholungen.
Geduld.
Geduld.
Und noch einmal Geduld.
Jeder von uns weiß, dass Kinder auch nicht von einem auf den anderen Tag laufen können aber wann haben wir vergessen, dass genau diese Entwicklung eben ein Leben lang anhalten wird und unsere Kinder sich zu den Menschen entwickeln die wir, als Eltern, in ihnen sehen.
Bedingungslose Liebe sieht tiefer. Sie sieht nicht das Verhalten des Menschen sondern den ganzen Menschen der in diesem Körper lebt.
Sie sieht den Schmerz, die Not, die Unsicherheit, die Angst und lässt sie sein. Sie steht da, wenn Hilfe benötigt wird und geht, wenn sie nicht mehr gewünscht wird. Sie hält, wenn die Gefühl zu groß werden und gibt dadurch Sicherheit.
Diese Kinder lernen mit ihrem Schatten umzugehen anstatt ihn zu verdrängen.
Sie können bleiben, wenn es beginnt im Menschen zu wüten. Sie spüren, wenn jemand Angst hat oder Hilfe braucht. Sie spüren anstatt zu werten.
Die Welt könnte sich verändern. Zum schönen verändern.