
Dass Erziehung schadet, das haben wir glaube ich alle mitbekommen aber wie steinig und hart der Weg ohne Erziehung sein kann, das ist den wenigsten bekannt.
Besonders auch, weil wir eben absolut keine Vorbilder haben.
Ich möchte es gerne anders machen aber wie?
Und das ist ein Weg den wir nur langsam und Schritt für Schritt gehen können.
Raus ins Ungewisse. Raus in eine Welt die wir bisher nicht kennen.
Was passiert aber genau mit uns Menschen, wenn wir erzogen werden.
Absolut jedes Verhalten eines Menschen ergibt tief in seinem Inneren einen Sinn.
Die Frage ist nur haben wir die Sensibilität und die Ausdauer um dort zusammen mit unserem Kind hinreisen zu wollen?
Wenn wir jedoch als Kind erzogen wurden, dann haben wir das nicht unbeschadet überstanden. Viele innere Anteile haben wir verdrängt. Wir können uns nicht mehr fühlen. Wir haben keinen Zugang mehr zu dieser Tiefe die in unserem Körper, in unserer Seele lebt.
Und genau so agieren wir dann auch.
Das Kind weint und schreit und was tun wir?
Wir fragen „Was ist los?“
„Was hast du?“
„Was ist passiert?“
„Du kennst das doch, du bist doch nicht zum ersten Mal hier, warum brüllst du dann so?“
„War doch gar nicht schlimm…“
„Immer dieses Theater….“
Das Kind lernt dadurch, dass es so wie es gerade ist nicht willkommen ist.
Was es gerade tut und wie es sich verhält nicht wertgeschätzt wird.
Es soll einen Sinn in seinem Handeln finden ohne, dass jemals ein Erwachsener es in diesem Prozess aktiv unterstütz hat.
Das wäre, wie wenn ich dir sage, so bitte ich möchte, dass du mir diesen Text jetzt ins Französische übersetzt obwohl du die Sprache gar nicht beherrschst und wenn du es nicht kannst, bekommst du ärger. Wirst beschämt. Erniedrigt.
Was lerne ich also daraus.
„So wie ich bin, bin ich falsch.
So wie ich bin, bin ich nicht erwünscht.
So wie ich bin, kann ich nicht geliebt werden.
So wie ich bin, werde ich zu einer Gefahr für mein Überleben.
So wie ich bin, kann ich nichts für unsere Gemeinschaft beitragen.
So wie ich bin, werde ich alleine gelassen und gerate noch mehr in meine innere Not.“
Das sind nur ein paar Beispiele die ganz individuell mit dem was du erlebt hast ergänzt werden können.
Was lernt ein Kind durch Erziehung und was nimmt es als erwachsener Mensch mit?
Ich darf meine Gefühle nicht zeigen.
Ich muss sie verstecken.
Sie müssen weg.
Denn wenn ich sie zeige, wenn ich mich wirklich verletzlich zeige, werde ich fallen gelassen, alleine gelassen und beschämt.
Also packe ich sie weg.
Ziehe eine Mauer hoch, so dass nichts mehr an mich ran kommt, was mir weh tun könnte.
Ich verstelle mich.
Brauche Rückzugsorte um mich sicher fühlen zu können.
Fühle mich schnell angegriffen und empfinde die Welt als einen bedrohlichen Ort dem ich nur mit Kontrolle entkomme.
Ich spreche nicht.
Ich weiß nicht einmal was mit mir passiert und werde sehr schnell wütend.
Ich habe mir eine Rolle erschaffen mit der ich ganz gut durch die Welt komme.
Der Preis den ich dafür bezahle, ist meine Erschöpfung die irgendwann zu Tage tritt und dann lasse ich sie, so wie ich es in der Erziehung gelernt habe an meinen liebsten aus.
Das haben Papa und Mama mit mir gemacht und das mache ich nun auch mit meinen Kindern oder Partnern/Partnerinnen.
Ich weiß, dass das eigentlich nicht ok ist aber das ist der einzige Weg den ich kenne.
Es ist vollkommen in Ordnung, dass wir richtig mies miteinander umgehen.
Dass wir uns anschreien, beschämen, uns weh tun, unser tun belächeln und die Not ins Unendliche treiben.
Und nun darfst du einmal durchatmen.
Weil das ist genau der Punkt an dem wir stehen.
Ich liebe dich, sind Worte aber was da alles noch mit dran hängt und wie tief du in dein eigenes Wesen dafür abtauchen musst, das hat uns niemand erzählt. Darin hat uns niemand unterstützt.
Es ist ein ganz neuer Weg den wir da gehen können anstatt etwas zu sagen.
Anstatt zu Urteilen und zu Beschämen ins Fühlen zu kommen.
Was fühlt sich gerade für mich so bedrohlich an, dass ich mich von meinen Gefühlen abtrenne und überhaupt nichts mehr fühle außer Härte und Kälte?
Wie alt fühlt sich dieser Zustand an?
Was brauche ich? Was hätte ich damals mir gewünscht?
Was soll ich meinem Kind geben was ich selbst nie bekommen habe?
Und nun schaue dein Kind an. Schau an in was für einem inneren Kampf es sich befindet.
Wie der ganze Körper sich beweget. Bebet. Zittert. Kämpft.
Diese ganze Energie die in diesem Körper steckt und aus diesem Körper raus will.
Bleib dran. Bleib anwesend. Du wirst vermutlich selbst von Gefühlen überflutet werden. Du wirst weinen. Du wirst schluchzen und es ist ok. Dein Kind spürt, dass Mama ENDLICH zu sich selbst zurück findet. Dass du ENDLICH deine Maske ablegst von “ Ist doch alles gut. Ist doch alles Schön. Ist doch alles ok.“ zu “ Nichts ist gut. Nichts ist schön. Nichts ist ok.“
Dann kann dein Kind aufhören und endlich durchatmen und ihr könnt euch in eurer Trauer und den Tränen wieder finden.
Es kostet Überwindung ja.
Es kostet unglaubliche Kraft und du wirst danach absolut erschöpft sein.
Aber das was du dann erlebst, wenn ihr euch verbindet und dein Kind sich an dich kuschelt und ihr euch umarmt ist das absolut schönste Gefühl das ich kenne. Ich kenne kein schöneres Gefühl, als das Gefühl wenn ich mich selbst und mein Kind zurück hole.
Hallo meine Innere Heimat, ich bin zurück.
Ich bin endlich nach Hause gekommen. Danke mein Kind, dass du so einen starken Willen hast, den es dazu gebraucht hat um mich dieser Wunde zu öffnen.
Ich sehe und liebe dich, aus der tiefe meines ganzen Herzens.