
Wenn meine Eltern mich nie gesehen haben, haben sie mich dann auch nicht geliebt?
Das ist die Frage, die ich mir sehr lange gestellt habe und keine Antwort darauf fand.
Erst jetzt wo ich fähig bin meine Eltern nicht als Eltern sondern als komplett fremde Menschen sehen zu können, kann ich ihr Verhalten sehen und verstehen.
Trauma hat meistens nichts mit der aktuellen Situation zu tun.
Schauen wir es uns einmal an Beispielen an:
Wir befinden uns auf einem Spielplatz auf dem ein paar Jungs Fußball spielen.
Ein Vater von den Jungs sitzt außen in seinem Auto und schaut zu.
Plötzlich wird ein Junge gefault. Liegt auf dem Boden hält sich das Bein.
Sein Vater kommt aus dem Auto. Der ganze Körper ist angespannt. Sein Blick ist auf einen Jungen fixiert. Nur auf ihn. Er läuft los. Brüllt seinen Sohn an er solle sofort ins Auto. Sein Sohn versucht zu widersprechen, was er sofort unterlässt als sein Vater einen Schritt auf ihn zu macht. Sein Körper sackt ein. Sein Kopf hängt zwischen den Schultern nach unten. Tränen laufen über sein Gesicht.
Der Vater fixiert wieder den Jungen. Sie sprechen miteinander. Der Oberkörper ist nach vorne gebeugt der Atem flach. Der Mann spricht. Der Körper ständig in Bewegung. Es kostet ihm alle Kraft nicht körperlich auf den Jungen los zu gehen, der in seinen Augen einen Fehler gemacht hat. Der Junge ist ruhig, unglaublich ruhig, wie wenn sein Nervensystem gerade sagt, beschwichtige, beschwichtige den Mann sonst bist du dran.
Irgendwann wird die Energie in dem Mann weniger und er läuft zurück. Zurück zu seinem Auto steigt ein und fährt weg.
Die Jungs spielen weiter. Sie haben diese Situation hervorragend gelöst, ohne dass ein anderer erwachsener ihnen zu Hilfe kam. Warum, dachte ich mir. Vielleicht sind sie alle alleine da. Später sehe ich wie zwei der Jungen vom Fußballplatz runter laufen, zu ihren Müttern die alle zusammensitzen, sich unterhalten. Die Jungs mit keinem Blick würdigen. Sie trinken was und gehen wieder.
Das ist Trauma, Trauma so wie es in unserer Gesellschaft gelebt wird.
In der Form, dass wir es gar nicht wahr nehmen.
Fast alle die sich auf dem Spielplatz befanden haben die Situation beobachtet und miterlebt, nur die eigenen Mütter nicht. Weil es ihnen zum großen Teil einfach egal ist.
Wir mischen uns ein, wenn es uns triggert aber nicht wenn die Kinder wirklich Hilfe und Schutz brauchen. Wir lassen aktiv zu, dass sie gemein miteinander umgehen und schützen sie nicht wenn sie geschützt werden müssten, weil es keine Bindung gibt.
„Die müssen das für sich klären. Die sollen selbst lernen Konflikte zu lösen. Ich darf mich da nicht einmischen:“
Das sind Glaubenssätze oder Überzeugungen die uns aktiv davon abhalten etwas zu tun.
Das Problem an der ganze Sache ist, dass unsere Kinder ebenso mit dem Trauma groß werden, weil wir es nicht fühlen und es dann an andere unbewusst weiter geben, weil sie selbst nicht fühlen können was da eigentlich in ihnen , in ihrem Körper passiert.
Aber nun kommen wir zurück. Zurück zu dem Mann und seinem Sohn.
Was genau ist das Trauma bzw. was erzählt mir der Körper des Mann über seine Vergangenheit.
Der Mann wurde als kleiner Junge emotional sowie körperlich missbraucht. Er hat in seiner Kindheit also tiefe Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schmerz erlebt. Welchen ihn überfordert hat und zu dem Schutzverhalten zwingt welches er im heute zeigt.
Der Mann will seinen Sohn schützen, beschützen, mit Härte, mit Schläge, mit beschämenden Worten. Er will dass er, aus seinem Denken heraus, stark wird. Unnahbar. Kühl und hart. Der Welt und den Menschen werde ich es schon zeigen. Das ist die unterdrückte Wut aus der Kindheit, die er ganz aktiv im zwischenmenschlichen Kontakt spüren wird.
Er tut alles um seinen Sohn, aus den traumatischen Erlebnissen heraus, die er erlebt hat, zu beschützen. Das Ergebnis ist, dass er seinem Sohne ebenso traumatisiert wie er es selbst erlebt hat, indem dass er nur sich sieht anstatt seinen Sohn. Indem das er nicht sieht was sein Sohn braucht sondern was er braucht um sein Trauma nicht fühlen zu müssen. Er reagiert auf sich und nicht auf sein Kind. Sein Sohn soll stark werden, weil er es nicht aushält die Schwäche und das Verletzte in sich selbst zu fühlen. Er soll stark werden, damit er nicht das fühlt, was zerbrochen und im Laufe des Leben verloren gegen ist.
Nämlich er selbst. Er ist nicht mehr da. Er ist nur eine Reaktion auf alle alten Muster, auf all das umaufgearbeitete was ihn so sehr geprägt hat.
Und die Mamas. Sind kleine Mädchen. Die einfach nur in ihrer eigenen kleinen Welt leben. Einer Welt die sie sich so nie gewünscht haben. Sie sind unzufrieden, frustriert und im Mangel. Ich wollte Kinder. Ich wollte das alles aber warum fühlt es sich jetzt alles so scheiße an?
Sie wollen keine Verantwortung übernehmen.Sie wollen nicht sehen was sie tun oder unterlassen. Sie wollen zusammensitzen und ihre Ruhe haben, um einen Moment, einen kurzen Moment aus ihrem eignen Leben entfliehen zu können. Sie haben keine Kapazität für ihr Kind. Sie können sich kaum tragen also ist da eben keine Energie für das eigene Kind da. Das ist eine Tatsache, das ist Fakt. Es wird den Kindern schon nicht schaden, denn wir sind ja auch irgendwie groß geworden und haben das alles überstanden.
Also ja, Trauma liebt irgendwie auf eine Art und Weise die aber gleichzeitig, das menschlichste im Menschen selbst absolut zerstört.
Da gibt es keine Bindung.
Da gibt es keine Verbindung.
Da gibt es keinen Schutz.
Da gibt es keine Verantwortung.
Da gibt es eben nur ein Überleben.
Und eine Form der Liebe die ein Kind niemals verstehen kann.