Weil wir uns gegenseitig berühren dürfen

Eine so lange Zeit, dachte ich, dass es doch selbstverständlich sei, dass Menschen wissen wie es sich anfühlt gehalten zu werden.

Du weinst und ich halte dich ganz still in meinem Arm.
Ich halte dich, bis der Körper aufhört zu kämpfen.
Ich halte dich, bis alle Tränen aus deinem Körper geflossen sind.
Ich halte dich und atme mit dir.
Ich halte dich bis der Frieden zurück kommt und du tief durchatmest.
Befreit. Erleichtert.

Aber das was ich da beschreibe, ist eben nicht selbstverständlich und die wenigsten haben es erlebt.
Gestern sagte Tobias etwas zu mir und fragte im Anschluss ob mich das verletzt, wenn er das sagt und ich meinte, nein, stimmt doch, das ist die Wahrheit und damit hast du Recht und nein es berührt mittlerweile nichts mehr in mir.
Das ist mein Heilungsweg, den ich nun seit Jahre gehe und immer bewusster spüre, wer dieser Mensch ist, der da in mir, in diesem Körper lebt.
Ich kenne alle Sonnen und alle Schattenseiten und kann mich damit annehmen, sein lassen, akzeptieren und bin dennoch in der stetigen Annahme dessen, was gerade gefühlt werden will.

Meine Arbeit findet nicht außerhalb von mir statt, alles was ich tue passiert ganz verschlossen im Inneren meines Körpers.

Ich habe Menschen gesehen, viele Menschen in unterschiedlichen Positionen, die alle ihr Leben angeblich im Griff haben. Die außerhalb ein perfektes Bild von Liebe, Harmonie und Perfektion vorleben und dann sitzen sie da …. und es bricht alles zusammen……
„Eigentlich habe ich nichts im Griff.
Eigentlich kann ich nicht mehr.
Eigentlich streiten wir uns nur noch, schlafen in getrennten Betten und haben seit Monaten keinen Sex mehr.
Eigentlich funktioniere ich nur noch.“

Egal wo wir hinschauen. Wir wirken stark. Souverän. Selbstbewusst und wenn ich dann sage, „Das was du tust.Das was du sagst verletzt mich…. Das ist so hart. So kalt. Bestimmt hast du Recht, aber die Art und Weise wie du es mir sagst bringt etwas in mir zum Weinen. Das trifft meine Würde, weil ich mich dann nicht als Mensch sondern als Objekt gesehen fühle.“ Und dann bricht alles zusammen. Der ganze Mensch bricht in sich zusammen. Kollabiert, weil eben alles nur Schein und nicht echt ist.
Nichts von all diesem ganzen Spiel ist wirklich echt.

„Eigentlich, weiß ich gar nicht wer ich bin“ ist ein Satz den ich häufig im Coaching höre.
„Ja wer bist du?“ frage ich dann und „seit wann beschäftigst du dich mit diesen Gedanken.“
„Schon eine ganze Weile, aber eigentlich so richtig seit ich Mama oder Papa geworden bin. Die Kinder kommen und nichts ist mehr wie vorher. Ich habe mich verloren.“
„Du hast dich verloren?“ frage ich „oder kann es sein, dass du dich nie finden durftest, denn wenn du dich einmal wirklich gefunden hast, wenn du dich wirklich mit deinem Herzen verbunden hast, kannst du dich nie mehr verlieren, weil du tief in dir weißt, dass alles eine stetige Veränderung ist. Gefühle kommen. Gefühle gehen. Und du darfst lernen sie einfach durch dich hindurch fließen zu lassen.
Trauma hingegen ist starr. Trauma will den Status Quo für immer festhalten. So bist du und ich will, dass du für immer so bleibst, denn dann kenne ich dein Verhalten, kann dein Verhalten steuern und das gibt mir Sicherheit, weil ich diese bis jetzt nicht in mir finden konnte. Ich kann, wenn du dich änderst nicht mit den Emotionen zurecht kommen die in mir ausgelöst werden, das habe ich nicht gelernt und genau deshalb muss ich dich kontrollieren und beeinflussen.“

Machen wir uns bewusst, unsere Kinder fühlen.
Unsere Kinder fühlen alles.
Komplett alles und vor allem, das vor dem du dich innerlich selbst beschützen willst, vor all der Scham und Schuld und Ohnmacht und Mangelgefühle. Sie werden zu den Gefühlen deines Kindes.
Irgendwann sitzt dann dein Kind vor dir und sagte
„Ich fühle mich nicht gut genug.
Egal was ich anpacke nichts gelingt mir.
Ich fühle mich verloren.
Ich fühle mich ausgeliefert.
Ich fühle mich handlungsunfähig.
Ich fühle mich als Opfer der Umstände.
Ich bin ein Versager.
Das fühlt sich nicht nach meinem Leben an. Usw.“

Das bedeutet, wenn du diese Arbeit machst, bist du ein Engel.
Ein wahrer und echter Engel, denn du durchbrichst den toxischen zutiefst vergifteten Kreislauf in dem deine Familie seit vielen Generationen steckt. Nicht bewusst, das ist alles unbewusst aber ihr nehmt nun die Abzweigung hinein in ein neues Leben. Eine neue Geschichte, in der es um Menschlichkeit geht. Um Verantwortung für dein eigenes Leben, für dein eigenes Handeln, für dein eigenes sein. Ein Leben in dem der Schmerz zu Wort kommen darf und endlich alle Tränen geweint werden dürfen, die gerade sich aus dem alten Leben verabschieden wollen. Es darf gewütet und getrauert werden. Es darf endlich der Mensch gesehen werden, der sich bis jetzt so sehr verstecken musste, funktionieren, etwas darstellen musste, was er gar nicht ist.

Ich sehe dich.
Ich sehe wie erschöpft du bist von dem täglichen Kampf gegen dich selbst.
Ich höre deinen Worten zu und fühle mit dir deinen Schmerz.
Ich halte dich, wenn alles zusammen bricht und bleibe bei dir, bei jedem neuen Schritt den du in Richtung Heilung gehst.
Du glaubst du bist schwach?
Dabei bist du stark so unglaublich stark, da du der erste Mensch in dieser ganzen Familienreihe bist, der fühlt. Der wirklich all dieses grauen mit seinem ganzen Herzen fühlt und es in Liebe verwandelt. In echte Liebe. In ein ich liebe dich einfach nur weil es dich gibt. Weil du sein darfst, als der Mensch, der du sein willst.

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