Wie viel Nazi Pädagogik steckt noch in uns

Eine Mutter muss hart bleiben, schreien, stärkt die Lungen.
Zu viel Zärtlichkeit verdirbt das Kind.
Johanna Harrer, die erste Mutter und ihr deutsches Kind der Erziehungsratgeber wurde ab 1934 hunderttausendfach verkauft.
Kinder sind für die überzeugte nationalsozialistin Objekte, Gefühle bedeuten Gefahr.
Es geht vor allem um Härte.
Wenn wir aber befehlen, dann muss das Kind gehorchen.
Das heißt, das Befohlene muss auch wirklich durchgeführt werden, dass ein Kind seinen Eltern unter allen Umständen gehorchen muss, war in vergangenen Jahrhunderten das A und O aller Erziehung und wurde niemals in Zweifel gezogen.

„Ich weine, aber niemand kommt.“
„Sei still.“
„Ich habe ein Märchen geschrieben unter den vielen Soldaten, da war einer, den traf das ganze Leid des Vaterlandes noch schwerer als alle anderen.
Er wollte trotz allem nicht verzagen, er wollte von jetzt an nur für ein Ziel leben und seine ganze Kraft nur einer Arbeit widmen. Deutschland und das deutsche Volk wieder aus all dem Elend herauszuführen und es wieder stark und glücklich zu machen.

Und was war das für ein Soldat? fragten die Kinder?
Das war Adolf Hitler, sagte die Mutter.
Erzähl von Adolf Hitler, riefen die Kinder.

Die Bücher der fünffachen Mutter Johanna Harrer aber bleiben.

Sie werden neu aufgelegt, wieder und wieder, noch Jahrzehnte nach Kriegsende, und sie prägen die Erziehung ganzer Generationen

„Reiß dich zusammen“
Aber ich habe Angst.
„Reiß dich zusammen, so steht es im Buch von Frau Dr. Harrer.

Damit aus dem Kind kein Haustürran wird, gilt es, frühzeitig seinen Willen zu brechen.
Das ist wichtig für die Charakterbildung und die spätere Lebensführung.

“ Ich lerne nicht zu fragen.“

Harrers Schriften werden zuletzt 1987 gedruckt, ihre Ideen aber leben weiter.

Sie haben sich längst eingenistet in das Denken vieler Eltern.

Ein Kind muss alleine einschlafen.

Du verwöhnst deine Tochter viel zu sehr. Es ist nicht schlimm, wenn die auch mal schreit, das muss man aushalten.

Bloß nicht zu viel Nähe.

Eltern müssen konsequent bleiben, manchmal rutscht auch die Hand aus.

Der Bub wird wirklich total verhätschelt von seinen Eltern.

Wenn das Kind merkt, dass es unangenehm ist, in seinem eingenässten Bett zu liegen, dann wird es damit aufhören.

„Ich brauche Nähe.
Ich brauche Dich.“

Das Vermächtnis von Johanna Harrer.

Wie viel von diesem Vermächtnis steckt noch heute in uns und wird von Generation zu Generation immer wieder weiter gegeben.

Johanna Harrer wollte als sie Mutter wurde weiter arbeiten, dies war leider an der Klinik nicht mehr möglich also beschloss sie, ihre eigenen Erfahrungswerte als Mutter mit dem allgemeinen medizinischen Wissen dieser Zeit zu verbinden.

Sie hat überalle mitgewirkt bei der Schulung von Hebammen, Erziehern und Müttern.

Johanna Harrer ist fachlich vorgegangen. Sie hat das damalige Wissen über Erziehung zusammen gesammelt und in ihren Büchern veröffentlich. Das war der Stand der Forschung.

Die Nazis haben damals Frauen gebraucht, weil sie wussten, dass die Bevölkerung ja nicht zuletzt von Frauen erzogen wird und dass die zukünftigen Soldaten Kinder sind, die von Müttern erzogen werden.
Deshalb brauchte der Nationalsozialismus auch Frauen, und da war sie eben eine nicht unwichtige, die dabei geholfen hat, künftige Soldaten heran zu ziehen.

Sie hat 1934 ihr erstes Buch veröffentlicht und hat darin zwischen den Zeilen, wie es am besten funktioniert mit dem Schlafengehen, mit dem Stillen, mit dem Reinigen des Kindes schon Ideologien untergebracht.
Das kommt uns heute komisch vor, aber das war damals eben üblich, dass die Ärzte sagten, die Erziehung des Kindes beginnt mit dem ersten Lebensweg, also schon mit der Frage, wann wird das Kind zum ersten Mal gefüttert, wie lange wird das Kind von der Mutter weggelegt, wie oft darf man es nachts aufnehmen oder darf man das überhaupt nicht?
All diese Fragen hatten eben nicht nur einen medizinischen oder einen biologischen Sinn sondern sie hatten immer auch einen erzieherischen Sinn, weil das Kind damit etwas lernen sollte, über seine Stellung in der Welt über seine Stellung in der Gemeinschaft.

Wie viel aus der NS Zeit steckt noch in uns?

Sehr, es ist einfach so dass das Thema Erziehung gerade am Anfang.
Säuglingspflege, Kleinkinderziehung etwas ist, das nicht immer nur bewusst reflektiert wird, sondern das wird auch oft so gemacht wie wir es schon an unserem eigenen Leib erlebt haben, wie es unsere Eltern und unsere Großeltern uns vorgemacht haben.

Das heißt, da ist eine enorme Konstanz und Beharrlichkeit in dem Thema, das kann man nicht über Nacht ändern und viele der Ratschläge damals waren so eingängig, wie z.B. ein Indianer kennt keinen Schmerz oder so, dass sie uns heute noch im Kopf herum spuken und dass wir heute noch denken wenn ein Kind hinfällt und weint es vielleicht klug wäre, ihm nicht zu viel Mitleid zu schenken, weil dann hört es wieder schneller auf zu weinen.‘

Das alles sind Gedankenschnipsel die immer noch mit dieser Erziehungsideologie zu tun haben und ich denke dass also vor allem die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er Jahre, die ja jetzt im Großeltern alter sind, die noch ganz stark damit erzogen wurden.

Das dauert und es gibt ständig Rückschritte, wieder Konsequenz zu zeigen usw.
Da gibt es immer wieder Anschlusspunkt an die damalige Zeit, wie sehr sie Menschen in ihrer tiefe verunsichert haben.

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